Der Wiener Kongress in den europäischen Erinnerungskulturen

In den Jahren 1814/15 führte der Wiener Kongress viele Tausend Gäste in die österreichische Haupt- und Residenzstadt, darunter die Monarchen der europäischen Mächte persönlich. Am Ende der napoleonischen Ära sollte nicht weniger geschehen, als Europa neu zu ordnen und ein dauerhaftes Friedenssystem für den Kontinent auszuarbeiten. Daneben standen zahlreiche verfassungs- und gesellschaftspolitische Fragen auf der Agenda, deren Lösung von großer Tragweite war.

Dieses Großereignis jährt sich 2014/15 zum zweihundertsten Mal. Verschiedene Jubiläumsveranstaltungen werden bereits geplant. Auch die Intensität der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema nimmt in der letzten Zeit deutlich zu. Nach langen Jahren der Negativbewertung, vor allem unter nationalen Vorzeichen, wird der Wiener Kongress nun in überwiegend positivem Lichte gesehen: als ein Zusammentreffen, bei dem es gelang, eine Friedensordnung von vergleichsweise langer Dauer zu schaffen. Der breiten Öffentlichkeit ist der Wiener Kongress in Anlehnung an das populäre Bonmot des Fürsten de Ligne “Le congrès danse, mais il ne marche pas” allerdings in erster Linie als ausschweifende Festlichkeit im Gedächtnis. Eng mit dem Bild vom Wiener Kongress verbunden ist in der allgemeinen Erinnerung zudem die Figur des Fürsten Metternich, dessen einseitiges Image als reaktionärer Unterdrücker von Freiheit und nationaler Einheit weit verbreitet ist und erst von der neuesten Forschung verstärkt in Frage gestellt wird.
Bei diesen Bildern und Deutungen des Kongresses will das Projekt ansetzen. Welche Interpretationen des Wiener Kongresses und seiner Ergebnisse existieren? Wo haben sie ihren Ursprung? Welche Verhandlungsstränge, Abläufe und Personen standen und stehen im Vordergrund der Erinnerung? In welchem Verhältnis stehen diese Schwerpunkte und ihre Deutungen zur jeweiligen historisch-politischen Situation – welche Zielrichtung oder welcher Zweck wurde damit verfolgt, welche Wirkung erzielt?
Das Projekt blickt damit nicht auf den Wiener Kongress selbst, sondern erstmals auf die Erinnerungskulturen zu diesem Großereignis. Es will damit eine klassisches Thema ganz neu hinterfragen und seine Rolle in der europäischen Erinnerung aufarbeiten. Gleichzeitig will es eine Lücke in einem Forschungsfeld schließen, das in den vergangenen beiden Jahrzehnten wie kaum ein anderes Geschichtswissenschaften wie Öffentlichkeit bewegt hat und nach wie vor von höchster Aktualität ist.
Zu diesem Zweck analysiert es verschiedene Medien der Erinnerung, namentlich Historiografie, Zeitungen, Internet, Lexika, Schulbücher, Ausstellungen und Spielfilme zum Thema. Dazu werden zwei Vergleichsebenen angelegt: Zum einen wird die Erinnerungskultur diachron vergleichend von der Zeit der unmittelbaren Verarbeitung des Geschehens bis heute betrachtet. Zum anderen erfolgt ein synchroner Vergleich durch die Berücksichtigung und differenzierte Wahrnehmung der Erinnerungskulturen in verschiedenen nationalen Kontexten.
Auf diese Weise können Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen „Zeitgeist“, Raum und Geschichtsverständnis, über das Verhältnis von Geschichte und Politik sowie über die Rolle von Geschichte für die Bildung von Identitäten gewonnen werden. Schließlich kann auch die Frage beantwortet werden, ob der Wiener Kongress als europäischer Erinnerungsort zu verstehen ist.